mit einer Einführung von Martina Müller
Wer kennt es nicht, eines der beliebtesten Segelreviere der Segler aus dem Ruhrpott: Das Ijsselmeer. Mein lieber Roland kannte es bis dato nur vom Land aus. Er lernte es aber recht schnell auch zu Wasser kennen. Da es für Ihn überhaupt die erste Yachtsegelerfahrung sein sollte, wurde er zum Logbuchschreiber auserkoren. Alle Mitsegler finden, dass er diese Aufgabe hervorragend erfüllt hat:
Die Crew:
Martina Gallinge, Skippy
Christian Kaufmann, Bootsman
Wilfried Brücker, Der Betreuer
Claus Pricken, 1. Steuermann
Roland Müller, Der Pöt
9.00: Die Crew wird so langsam wach
und tut sich sehr schwer damit ... Bevor's in die See geht, macht die Crew erstmal'n Landgang,
um Gummistiefel und Dosen-Pepsi zu kaufen.
12.00: 1/5 der Crew ist gerade wach geworden und geht duschen - gaanz langsam denkt man daran,
vielleicht mit dem Boot in der nächsten Zeit doch mal was anderes anzustellen als nur
damit im Hafen zwischen den Leinen rum zu wackeln.
13:00: Die Crew zieht sich warm an. Der Wind bläst draußen mit Stärke 5-6,
in Böen 7 aus Nord (abnehmend), der Meilenstand der Malibu beträgt 479,2, die Motorstunden
? (die Anzeige ist etwas launisch und will uns den aktuellen Motorstand nicht anzeigen).
13:20: Motor an - Leinen los. Tod und Teufel können uns nicht schrecken. Kein vernünftiger
Mensch geht bei dem Wetter unter Segel - Wir doch! Aber besser mal nur das halbe Großsegel
und nur ab und an mal ein Stückchen Fock - nicht, daß wir nachher noch umkippen
... Also, wenn wir ab Lemmer 240° halten, dann müßten wir bei dem Wind ruckzuck
in Enkhuizen sein. Erster Steuermann Christian und zweiter Steuermann Klaus schaffen das Unmögliche
- sie halten 240°.
15:00: Wir passieren die Tonne EL-B. 16:00: 52°44, 5°235. Windstärke 7, Nordwind,
Dunkle Wolken! ... Wir holen mal besser die Fock rein. Die Malibu liegt ziemlich schräg
im Wasser, Skipper Martina spuckt über Bord. Der Rose De Virginie aus dem 10l-Beutel von
gestern abend scheint noch immer seine Wirkung auf Madame zu haben.
16:20: Is' nicht mehr weit bis in' n Hafen von Enkhuizen - Die Segel werden reingeholt, der
Motor angeworfen. 16:50: Motor aus. Leinen fest - wir haben die beste Anlegestelle im ganzen
Enkhuizer Hafen erwischt; direkt ganz vorne, einen Steinwurf vom Klo und Dusche weg. Was haben
wir hinter uns ? 16,6 Seemeilen (das ist Luftlinie Lemmer-Enkhuizen !) und 1 Motorstunde.
Irgendwer hat irgendwann beschlossen,
daß wir heute eine Menge Meilen zu fahren haben. Dieser Irgendwer ist auch Schuld daran,
daß ich heute schon um halb 8 aus dem Bett gejagt werde. Halb 8! Im Urlaub!!! Hat auch
was Gutes - auf dem Weg zu den Enkhuizer Duschen (sehr sauber!) seh ich einen wunderschönen
goldgelben Sonnenaufgang über dem Ijsselmeer. Da werden wir gleich wieder drauf rumsegeln.
Gut!
Schon um 9:15 Uhr lassen wir im Hafen Enkhuizen den Motor an und tuckern rüber zur Schleuse.
9:45 haben wir die Schleuse bereits hinter uns - 15 Minuten später sind wir soweit, die
Segel zu setzen - aber ach! Oje! Das Fockfall ist gerissen... Aber kein Grund, gleich in Seenot
zu geraten. Ganz im Gegensatz zu gestern verhält sich die See nicht wie ein junges Wildpferd
sondern liegt fast da wie ein Brett (Windstärke ca. 1). Männer, die mehr vom Boot
verstehen als ich, haben in nullkommanix irgendwoher 'nen Seil gezaubert, durch irgendwelche
Löcher gestopft und schwupp - ist die Malibu wieder seetüchtig. Bereits um 10:05
ist der Motor aus - den Rest des Tages wird gesegelt. Stundenlang kreuz und quer durch das
Marker Meer, Richtung Südwest, mehr Süd als West. Das Wetter: Mehr Sonne als Wolken
- richtig angenehm. Der Wind: 1 - 3,5. Auch richtig angenehm. Gut - so richtig flott voran
wie gestern kommen wir heute nicht. Aber wen juckt's? Das Boot fährt, uns geht's gut,
wir haben Zeit, keiner jagt uns. Ich handle mir einen kleinen Sonnenbrand ein und stehe als
Rookie heute sogar einige Stunden am Rad. Ein GUTES Gefühl, so'n Schiff durch die Wellen
zu lenken und bis auf 6 Knoten zu bringen.
Um 16:45 Uhr sind wir nah genug an der Fahrrinne nach Marken, daß es sich lohnt, den
Motor wieder anzumachen und den Rest des Weges sicher zwischen rot und grün zu tuckern.
Um 17:20 legen wir in Marken an, direkt vor einem netten Restaurant mit netter Bedienung und
prächtigen Mahlzeiten nebst kühlem Heinecken. Haben wir uns verdient, nach unseren
26,6 Seemeilen.
Den ganzen Morgen warten wir darauf,
daß um 11 Uhr so'n kleiner Laden am Hafen aufmacht, von dem wir uns eine Karte mit dem
Wasserweg nach Amsterdam erhoffen. Die Karte fehlt uns nämlich an Bord. 11 Uhr: Der Laden
bleibt zu - der Wind steht ungünstig - also Scheiß auf Amsterdam, wir fahren lieber
rauf in den Norden. 11:25: Motor an. Tschüß Marken!
11:30: Die Fock will sich nicht ausrollen lassen. Die Fock. Immer die Fock. Die Fock ist wirklich
unser Sorgenkind auf dem Törn. Und der Funk - der Funk will auch nicht so, wie wir wollen.
Wir können zwar hören, was andere über Funk reden - aber niemand kann uns reden
hören. Zurück zur Fock: Um 11:35 stellen wir den Motor wieder aus und Christian und
Wilfried versuchen, die Fock per Hand abzurollen - 10 Minuten später haben sie's geschafft.
Der Rest der Fahrt ist weniger abenteuerlich - wir brauchen nur fast schnurstracks Richtung
Norden zu steuern (350°), der Wind stellt uns vor keine allzugroßen Herausforderungen
(Stärke 1 - 2, manchmal knapp 3) und mit gemäßigtem Tempo plätschern wir
durch schönsten Sonnenschein gen Hoorn. So hab ich mir das gewünscht : In kurzen
Hosen lässig an Deck zu liegen, die Sonne knallt runter, der Himmel ist königsblau,
die See voller prächtiger Boote. Einzig der Rudergänger hat ab und an etwas Stress,
all den prächtigen Booten auszuweichen, die uns heute kreuzen. Denn es ist Samstag und
bestes Segelwetter - da kommen sie alle aus ihren Löchern und setzen die Segel. Um 15:15,
kurz vor Hoorn lassen wir den Motor wieder an und steuern in den Hafen - 15:40 legen wir irgendwo
an, laufen nach vorn zum Hafenmeister und fragen, ob wir da liegen bleiben dürfen. Nee
- dürfen wir nicht - wir kriegen einen anderen Platz zugewiesen. 15:55: Leinen wieder
los, rüber zur anderen Anlegestelle. Nach 2 vergeblichen Versuchen, in die Box reinzukommen
("Claus, Claus - Hilf mir - ich weiß nicht, was ich machen soll...!") schaffen
wir's um 16:15, die Malibu fest zu zurrren und den Motor wieder abzustellen. PS: In Hoorn gibt's
einen sensationellen Spanier!!! Ich empfehle "Hähnchen mit Knoblauch". Und die
blonde Bedienung da ... - Lecker!
Die schönsten Ortsnamen gibt's
in den Niederlanden: "Monster", "Heino", "Zwolle", "Ede"
... - einen besonders wohlklingenden Namen hat auch das Städtchen "Urk" - da
wollen wir heute hin. Aber bevor wir uns dahin aufmachen, versuchen wir von 10:30 - 11 Uhr
das leidige Focksegel wieder so hinzukriegen, daß man's ein - und ausrollen kann. Keine
Chance! Bleibt uns also nur händisches aufheissen und niederholen. Sowas soll uns jetzt
nicht weiter aufhalten - wir wollen ja heute noch nach Urk - und bis Urk sind's noch über
20 Meilen.
11:35: Wir lassen den Motor an und bugsieren die Malibu aus dem Hoorner Hafen. Auf dem Marker
Meer vor Hoorn sieht's heute wieder genauso aus wie gestern nachmittag - alles voller Boote.
11:50 Motor aus. Erst ein Stück weit vom Ufer weg wird's ruhiger. So ab viertel nach 12
haben wir die See fast nur für uns - und gleiten gemächlich durch den Nebel, der
noch immer auf dem Marker Meer liegt Richtung Südost (120°) auf Lelystad zu. Irdendwann
kommt auch die Sonne raus - aber der Nebel bleibt. So gegen 15:15 taucht aus dem Nebel erst
der Funkturm von Lelystad, dann die Batavia auf. Da in der Nahe muß die Schleuse liegen,
durch die wir vom Marker Meer ins Ijsselmeer gelangen. 15:50: Wir holen die Segel wieder rein
und fahren unter Motor auf die Schleuse zu. 16 - 16:20: Wir schleusen und warten darauf, daß
die Brücke hochgefahren wird. Nachdem wir die Brücke passiert haben, fahren wir noch
ein paar Meilen unter Motor Richtung Norden. 17:00: Es reicht - wir sind zum Segeln hier und
nicht zum rumtuckern. Der Wind gibt zwar nicht besonders viel her, aber es reicht, um vorwärts
zu kommen - vorwärts Richtung Urk. Um 19 Uhr ist immer noch nix von Urk zu sehen, aber
die Sonne geht hinter uns schon so langsam schlafen - also, wenn wir heute noch im Hellen in
den Urker Hafen einfahren wollen, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als einmal mehr
auf die Unterstützung des Motors zu bauen. Ab 19 Uhr geht's mit über 6 Knoten auf
50° zu und schon nach wenigen Minuten sit tatsächlich am Horizont ein Ufer auszumachen,
dann ein Leuchtturm und Häuser, dann die Hafeneinfahrt von Urk. Um 19:50 legen wir neben
einem Zweimaster namens "Trintel" im Hafen von Urk an. "Urk" - wie kann
ein Ort nur so heißen ??? Noch seltsamer als der Ortsname ist das Benehmen der Urker
(oder nennen sie sich "Urkesen"?, oder "Urkaner"?) - sie fahren zu Hunderten
ohne Sinn und Verstand den Hafen rauf und runter. Versteh einer die Urks ...
Schade schade, die Segeltage sind
vorüber. Es ist Montag, und wir müssen zurück nach Lemmer um die Malibu ihrem
Eigner zu übergeben. Um 10:35 legen wir in Urk ab, um 10:55 setzen wir die Segel um wenigstens
noch ein Teil der Strecke Urk - Lemmer per Windantrieb zurückzulegen. Und - oh Wunder,
oh Mirakel - die Fock, die sich gestern abend schon einrollen ließ, lässt sich heute
auch wieder ausrollen. Urker Hafenfahrer - Launische Focksegel - die Welt ist voller Rätsel
...
Zum Abschied beschehrt uns Mutter Natur zwar nicht den perfekten Wind, aber immerhin noch einen
schönen Sommersonnentag, den wir an Deck ausgiebig genießen. Da der Wind zu schwach
ist, um uns pünktlich in den Heimathafen zu bringen, holen wir schon um 13 Uhr die Segel
ein und lassen den Motor an. Und so plätschert die Fahrt nach Lemmer in der Spätsommersonne
gemächlich dahin, bis wir um 14:45 wieder da anlegen, wo wir am letzten Donnerstag losgemacht
haben. Das war's. Mit den heutigen 15,6 Seemeilen kommen wir auf insgesamt 98,9 Seemeilen seit
dem 17.09.1998 um 13:20 Uhr. An Motorstunden hab ich rund 8 Motorstunden ausgerechnet (angezeigt
wird ja nix)
Roland Müller